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“Ich war mal ein Motherboard” - Wie Roswitha Petersen aus Elektroschrott Schmuckstücke macht

Roswitha Petersen habe ich 2018 bei den Europäischen Tagen des Kunsthandwerks kennen gelernt. Die junge Frau aus Leipzig hat ein ganz besonders schönes Business: Sie stellt Upcyclingschmuck aus Elektroschrott her.

Roswitha Petersen macht Upcycling-Schmuck aus Elektroschrott

Upcycling: Elektroschrott der glücklich macht

Früher hat Roswitha Schuhe gestaltet

Roswitha Petersen hat Produkt-Design an der Burg Giebichenstein in Halle studiert. Gleich nach dem Studium hat sie sich selbständig gemacht - damals hat sie Schuhe entworfen. Das kreative Gestalten hat ihr viel Spaß gemacht. Doch war ihr die Modebranche zu schnell-lebig. Darum hat Roswitha ein neues Betätigungsfeld gesucht, in dem sie sich gestalterisch ausleben konnte.

 

 

MAker Spaces und die Suche nach einer neuen geschäftsidee

Zu dieser Zeit hatte sie viele Freunde, die begeistert mit Elektronik arbeiten. Roswitha war viel in sogenannten "Maker Spaces" - genauer gesagt in "Fab Labs", kurz für Fabrikationslabor - unterwegs. Das sind offene Werkstätten, die Privatpersonen industrielle Werkzeuge und Bauteile zu Verfügung stellen:

Da gibt es zum Beispiel CNC-Fräsen, Laserschneider, 3D-Drucker, dazu die Software und Netzteile, Kondensatoren, Spulen, Transistoren, Akkus, Linsen, Zahnräder und vieles mehr. Eben alles, was man braucht, um neue Ideen für elektronische Prototypen zu testen und Einzelstücke herzustellen.  

 

Elektronik selbst hat sie weniger interessiert, dafür suchte sie nach Möglichkeiten, etwas Neues zu gestalten. Eines Tages probierte sie ein Verfahren aus, mit dem man Grafiken in das Material der Leiterplatten ätzen kann. Aber mit der ganzen Chemie fühlte sie sich nicht wohl. Sie wollte unsere Umwelt nicht unnötig belasten. 

 

 

Oberfläche einer Leiterplatte (c) Roswitha Petersen
Oberfläche einer Leiterplatte (c) Roswitha Petersen

Beim Aufräumen fiel ihr ein Motherboard in die Hände

Kurz darauf, als sie gemeinsam mit ihrem Freund sein Arbeitszimmer aufräumen wollten, stand dort eine Kiste mit Leiterplatten, die er nicht mehr brauchte. Als sie eine schicke hellgrüne Netzteilkarte in den Händen hielt, sozusagen die "Ur-Platte", kam ihr die Idee: Man könnte doch aus dem Elektroschrott, der sowieso schon da ist, etwas Neues herstellen. 

 

Roswitha befreite die Oberfläche von aufgelöteten Bauteilen und es kamen wunderschöne Strukturen zu Tage. Ideal für Ohrringe, dachte sie sich.  

 

Die Leipzigern begann zu experimentieren, fräste Formen zurecht, feilte, schliff, polierte und beschäftigte sich mit Verfahren, um Schmuck herzustellen. Die ersten Stücke hat sie mit einer Bohrmaschine aus der Platte rausgearbeitet. Die Schmuckstücke werden in echtem Silber gefasst, mit Kunstharz versiegelt und poliert. Alles entsteht in aufwändiger Handarbeit.  

Roswithas Upcyclingschmuck kam so gut an, dass sie ihr Unternehmen Circuit Accessoires gegründet hat. 

 

 

Roswitha Petersen ist mit ihrem Label Circuit Accessoires auf Messen und Märkten unterwegs (c) Roswitha Petersen
Roswitha Petersen ist mit ihrem Label Circuit Accessoires auf Messen und Märkten unterwegs

Die Fräse bedient sie mit dem ControlLer einer Spielekonsole

Als die Nachfrage immer größer wurde, wurde das Bohrmaschinen-Verfahren zu langsam. Darum arbeitet sie heute mit einer CNC Fräse. 

Ihr Freund, ein Technik-Freak, hat ihr das Werkzeug gebaut und die Benutzeroberfläche entwickelt. Nun lenkt sie die Fräse mit dem Controller einer Spielekonsole an die richtige Stelle - dort, wo die Leiterplatte besonders schöne Formen zeigt. 

 

Die Fräse mit dem Controller
Die Fräse mit dem Controller

Nachschub an Elektroschrott gibt es mehr als genug. Ein paar Unternehmen, die Leiterplatten herstellen, haben ihr einen kleinen Teil des Ausschusses gespendet. In ihrer Werkstatt hat sie kistenweise Vorräte. Roswitha hat schon viele Ideen für die Zukunft: Sie denkt über weitere Möglichkeiten nach, Elektroschrott ein zweites Leben einzuhauchen und sinnvoll aufzuwerten.

 

Genug Nachschub für Roswithas Upcyclingschmuck
Genug Nachschub für Roswithas Upcyclingschmuck (c) Roswitha Petersen

Circuit Accessoires wächst weiter

Mittlerweile gibt es in ihrem Sortiment:

  • Ohrringe und Ohrhänger
  • Ringe
  • Anhänger für Ketten
  • Krawattennadeln und
  • Manschettenknöpfe 

Elektroschrott, der glücklich macht: Mit diesem Slogan fährt sie regelmäßig zu Märkten und Messen, um die schönen Unikate bekannt zu machen. Dort kommt sie mit vielen Leuten ins Gespräch und kann alles darüber erzählen, wie viel Elektroschrott pro Jahr anfällt, was für gefährliche Stoffe darin sind und wie man ihn vermeiden und vermindern kann. Der Schmuck selbst ist übrigens unbedenklich zu tragen, da sie alle Stücke mit Epoxidharz versiegelt. 

 

Mittlerweile hat sie ihren eigenen Online-Shop eröffnet. Seit Kurzem gibt es bei mir in der Galerie ausgewählte Schmuckstücke zu sehen und zu kaufen. 

 

 

Bei der Auswahl hilft das Bauchgefühl

Ich habe von Roswitha ein wunderschönes  Paar Ohrstecker für meine beste Freundin zum Geburtstag gekauft. Das richtige Schmuckstück auszuwählen ist übrigens gar nicht so einfach, denn an jedem gibt es ein anderes Detail zu entdecken. Darum habe ich dann einfach auf mein Bauchgefühl gehört. Die Ohrringe, die ich ausgesucht habe, waren ganz klein, türkis mit nur einem kleinen Lötpunkt drin, und haben mich an winzige Einzeller erinnert. Irgendwie passte das :) Frag mich nicht warum.

 

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