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Wie ich in Hanoi meine Partner Galerie besucht und 10 neue Kunstwerke nach Leipzig geholt habe

Wie ich in Hanoi meine Partner Galerie besucht und 10 neue Kunstwerke nach Leipzig geholt habe

Zum ersten Mal in Hanoi war ich im April 2017 und habe mich glatt in diese quirlige Stadt verliebt. Das Altstadtviertel von Hanoi ist unbeschreiblich chaotisch. Hier sind die Häuserfronten gerade so breit wie eine Tür. 

 

So viele faszinierende Eindrücke, Lärm, Geschäftigkeit, ständiges Hupen, Motorroller überall und eine Gasse enger als die andere. Die Menschen gehen ganz normal ihren Tagesgeschäften nach und doch scheint alles komplett anders zu sein als bei uns.

 

Waren aller Art werden angeboten, dabei wird jeder Quadratmillimeter Raum genutzt:

Bart rasieren oder Haare schneiden auf der Straße - der Spiegel und Hocker einfach unter einem Baum platziert,  Suppenküchen mit der berühmten Pho Bo - die landestypische Nudelsuppe mit Hühnchen oder Rind, frisch belegte Baguettes - ein Erbe aus der französischen Kolonialzeit, Werkzeuge, Sanitärzubehör, Kleidung, Keramik, ganze Straßen nur mit Spielzeug, alles erdenkliche aus Seide und und und ....  

 

 

Der Verkehr ist ein Wunder

Die Regeln werden hier anders interpretiert, gegenseitige Rücksicht steht dabei ganz oben. Keiner scheint an einer Kreuzung zu bremsen und trotzdem kommen alle irgendwie durch, und das sogar relativ fließend. 

 

Im Video:

 

Magisches Verkehrschaos an einer kleinen Kreuzung in der Altstadt von Hanoi. 


 

Außerdem bewundere ich immer wieder die Kreativität und den Wagemut, was die Beladung der Mopeds angeht.

Ich plane bereits einen Bildband mit dem Thema:

 

Dinge, die man auf einem Moped transportieren kann

  • Die ganze Familie kommt mit: 2 Erwachsene mit 3 Kindern sind kein Problem
  • riesige Röhrenbildfernseher
  • mehrere Großpaletten Eier
  • Blumen für einen ganzen Marktstand
  • komplette Gaststätteneinrichtungen mit Bänken
  • den Haushund
  • richtig große Ölgemälde

Damit bin ich schon bei meinem Thema angekommen. Dieses Schauspiel des Bild-Transportes konnte ich vor über einem Jahr schon mal beobachten. 

 

Zu Besuch in der Galerie von Bien

Kunstgalerie Die 2 Galeristinnen aus Leipzig und Hanoi in der Galerie von Bien
Die 2 Galeristinnen aus Leipzig und Hanoi treffen sich in der Galerie von Mrs. Bien

Bei meinem letzten Besuch habe ich bei Bien zum ersten Mal Bilder geholt, seit dem maile ich regelmäßig mit der Chefin der Galerie.  

 

Die junge Galeristin Nguyen Thi Bien, kurz Bien, und ihr Mann gründeten 2012 ihre erste Kunstgalerie in Hanoi. Mittlerweile haben sie 20 Filialen. Die Galerien sind für beide ein Vollzeitjob, es gibt keinen freien Tag in der Woche, dazu bestreiten sie ein volles Familienleben mit 2 Kindern.

 

Anfangs stellte Bien die Bilder auf Kommission aus, wie es auch in Deutschland üblich ist. Aber die Künstler verdienten daran zu wenig und konnten nicht von ihrer Kunst leben.

 

Darum hat sie sich ein eigenes Konzept ausgedacht:

Sie bezahlt den Künstlern monatlich ein festes Gehalt. Dafür nimmt sie alle Werke, die der Künstler malt, in ihre Galerie auf.

 

Mein Interview mit zwei Künstlern aus Hanoi

Zwei ihrer Künstler lerne ich dieses Mal gern persönlich kennen. Von beiden habe ich in letzten 1,5 Jahren jeweils 15 Werke gekauft um sie nach Leipzig in meine Galerie zu bringen:

 

Do Van Binh und Nguyen Tho Hieu – im weiteren Text nenne ich sie bei ihren Vornamen Binh und Hieu. Beide haben Kunst an der Kunsthochschule in Hanoi studiert, die beste Universität des Landes. Das Studium dauert, ähnlich wie in Deutschland, etwa 5 Jahre.

 

Bien hat extra für mich das Treffen arrangiert und die Künstler eingeladen. Wir sitzen alle um einen großen Holztisch in Biens neuester und größter Galerie. Diese hat eine Top-Lage in Hanoi, mitten am quirligen Nachtmarkt gelegen.

 

Ich habe mir vorher überlegt, was ich gern über die beiden erfahren möchte.

 

Aber die sprachlichen Hürden sind groß.

Meine Fragen stelle ich auf Englisch, Bien übersetzt von Englisch auf Vietnamesisch, die Künstler antworten in Vietnamesisch und Bien übersetzt für mich wieder zurück ins Englische. Bei einigen Fragen entsteht eine interessante Diskussion und es ist total schade, dass ich vieles nicht direkt verstehen kann.

 

Zudem fällt es mir schwer, meine Gedanken und Fragen in Englisch zu übertragen. Kleine Feinheiten fallen dabei leider unter den Tisch. Wir versuchen dafür umso mehr, alles mit Mimik und Körpersprache auszugleichen.

 

 

Innerlich notiere ich mir, die nächste Sprache, die ich lernen möchte, ist Vietnamesisch.

 

In Leipzig dürfte es nicht allzu schwierig sein, einen Lehrer zu finden. Durch meine Versuche, Thailändisch zu lernen, ahne ich, dass auch diese Sprache nicht leicht zu lernen sein wird. Trotz der lateinischen Schrift, die von katholischen Missionaren entwickelt wurde, um die einheimische Sprache zu lernen, ist es eine tonale Sprache.

 

Es spielt eine große Rolle, wie man die Silben betont, um die richtige Botschaft zu übermitteln.

 

 

Binh ist erst schüchtern, doch während des Interviews taut er zusehends auf.

Auch ohne Übersetzung kann ich gut merken, wie er für seine Kunst brennt.

 

Im Video ein kleiner Ausschnitt des Interviews:

 

  • Binh sitzt links im Bild
  • Bien in der Mitte
  • Hieu ganz rechts 

 

Der 42-jährige hat Frau und 2 Kinder. Auf seinen Gemälden entstehen aus scheinbar wilden Klecksen und Strichen Portraits und Akte von Frauen. Die Farben, die er wählt, unterstreichen die Gefühle, den Ausdruck des Portraits.

 

Binh sagt, dass es ihm total schwer fällt, klein zu malen. Seine Emotionen brauchen viel Platz auf der Leinwand.

 

 

Hieu ist ein junger Mann mit auffälligen Tätowierungen auf dem Arm und sogar auf seinen Fingern.

Ich frage nach, ob er selbst tätowiert. Nein, das kann er leider nicht, er entwirft die Tattoos allerdings selbst.

 

Hieu ist Musiker, er spielt Gitarre und Klavier. Darum seine Vorliebe für Motive von Musikern. Besonders gern malt er Damen und Herren die Piano spielen oder Violine oder Cello. Aber auch traditionelle vietnamesische Instrumente dürfen nicht fehlen. Jetzt plant er eine neue Serie an Musik-Motiven.

 

Er möchte gern heiraten, sucht aber noch die Richtige. In Vietnam spielt die Familie eine große Rolle.

Die typischen Fragen an mich sind: Wie alt bist Du? Bist Du verheiratet? Hast Du Kinder? Wenn ich dann zugebe, dass mein Mann und ich keine Kinder haben, dafür einen Dackel, gucken die meisten enttäuscht.

 

Galerien mit bekannten zeitgenössischen Künstlern

Genau wie bei uns gibt es in Vietnam namhafte zeitgenössische Künstler, die in konventionellen Galerien zu finden sind. Natürlich ist der Preis dann entsprechend hoch. Dabei ist es wichtig, wo der Künstler bereits ausgestellt hat, was er für Erfolge hatte und wie er sich in Zukunft entwickeln wird.

 

 

Kopien berühmter Meister und Motive

Im Kontrast dazu gibt es in Hanoi auch Galerien, die nahezu nur Kopien verkaufen, hier steht Klimt neben der Mona Lisa von Da Vinci, dazwischen ein Van Gogh.

 

Außerdem zeigen die Galerien typische Motive, die bei Touristen gut ankommen:

Buddhas, Elefanten, Chinesische Tuschemalerei – eher Kunsthandwerk als Kunst.

 

Jedes beliebige Werk, sei es eine Auftragsarbeit nach einem Familienfoto oder die Kopie eines berühmten Meisters, kann hier kostengünstig in Auftrag gegeben werden.

 

Im Gegensatz zu uns wird das Kopieren in Asien als hohe Kunst betrachtet. Durch Nachahmen lernt man dazu und wird Stück für Stück besser.

 

 

Doch wie hält es Bien in ihrer Galerie damit?

Ihr Ziel ist es, die vietnamesischen Künstler zu unterstützen, die Originale malen. Sie möchte sie am liebsten in der ganzen Welt verteilen. Genau das möchten die Künstler auch, ihre Werke bei Menschen in verschiedensten Ländern in guten Händen wissen. Die Kunstwerke sollen die Menschen erfreuen.

 

Bien sagt, manche Künstler verkaufen ihre Werke selbst teurer als sie in ihrer Galerie. Sie findet es nicht gut, die Bilder überteuert anzubieten. Ihrer Meinung nach verkaufen viele Galerien in Hanoi zu viel zu hohen Preisen, so dass es sich viele gar nicht leisten können. Darum bietet sie die Originale zu erschwinglichen Preisen an, so wie ich.

 

Ihre Galerien bieten aber auch Kopien und Auftragsarbeiten an, denn das Geld muss verdient werden, um die anderen Ziele zu unterstützen.

 

Damit hat sie keine Bauchschmerzen, schließlich dient es einem guten Zweck.

 

 

Der Kunde entscheidet selbst, was er lieber möchte.

Dazu muss gesagt werden, dass die Originale zu deutlich höheren Preisen gehandelt werden, als ein Plagiat. Die Künstler signieren die Kopien auch nicht. Auch in Vietnam gilt: Ein echtes Werk ist wertvoller als eine Replik.

 

Ich selbst nehme aus Biens Galerie nur die Originale der von ihr vertretenen Künstler mit, hier finde ich immer etwas, was mich sofort begeistert.

 

 

Dieses Mal sind es 10 Ölgemälde, die ich mir aussuche.

Ab Anfang Oktober sind sie bei mir in Leipzig in der Kunstgalerie ausgestellt. Übrigens transportiere ich sie nicht per Moped, sondern per Taxi - und später per Flugzeug nach Hause.

 

Hier die ersten Fotos davon, ganz praktisch und schnell mit der Handy-Kamera geschossen:

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Karina (Dienstag, 25 September 2018 21:09)

    Dein Artikel ist sehr aufschlussreich! Es gibt tolle Einblicke in das für Micha fremde Vietnam. Man erkennt Deine Liebe zu dem Land! Tolle Eindrücke und Erfahrungen. Mich würde es interessieren wie Du auf die Idee gekommen bist, Kunst aus Hanoi nach Leipzig zu bringen.
    Ich werde Dich auf jeden Fall in Leipzig in Deiner Galerie besuchen und all die Kunstwerke bewundern.
    Danke für diesen tollen Artikel!

  • #2

    Ruprecht Frieling (Donnerstag, 27 September 2018 21:37)

    Danke für diesen interessanten Einblick in die Arbeit der vietnamesischen Galeristin.