Der Narrenturm - Rezension zu einem nahezu wahnsinnigen Buch

Der Narrenturm

Ein nahezu wahnsinniges Buch von Johannes Berthold und Holger Much

Buch - Rezension von Navina Ahmann:

"Es gibt Momente im Leben, da steht man vor der Wahl:

Den geraden, einfachen Weg zu gehen und im gleichen Maße die Nase in die Sonne-, wie die Gefühle unter Kontrolle zu halten - oder den Abstieg zu wagen, sich seinem dunkelsten Selbst zu stellen, es in seiner Tiefe auszuloten, auf die Gefahr hin, sich dort zu verlieren.

 

Sicherheit und Kontrolle gegen einen emotionalen Drahtseilakt – nicht schwer zu erraten, für was ich mich im Normalfall entscheiden würde.

Aber der Narrenturm ist nicht normal.

Er ist finster und magisch und zieht mich an, wie ein Magnet.

 

 

Illustration aus "Der Narrenturm" von Holger Much
Illustration aus "Der Narrenturm" von Holger Much

 

Wenn ich an einen Turm denke, dann denke ich an ein Bauwerk, welches sich vom Boden aus erhaben gen Himmel streckt.

 

Hinter dessen Mauern mich womöglich eine Treppe erwartet, die mich, wenn ich nur ein bisschen Muße habe, soweit hinaufführen kann, dass mich oben ein atemberaubender Blick über das Land für die Mühe belohnt.

 

Im besten Fall kitzelt die Sonne mein Gesicht, während ich alles überblicke, alle Konturen deutlich erkenne.

Der Narrenturm ist anders.

 

Schon der Turm selbst (wie er ja tatsächlich in Wien existiert) lädt weder in seiner Form noch in seiner ursprünglichen Funktion zum Betreten ein, spielt jedoch als solcher für mich beim Genuss dieses wahrhaft schauerlichen Werkes kaum eine Rolle.

 

Viel mehr ist es sein mysteriöser, von Holger Much in Alptraumbilder gefasster Gegenpart, der mich berührt und bewegt.


Schon beim ersten Durchblättern des Buches drängt mir die unheilvolle und zwielichtige Stimmung der Bilder mit großem Druck entgegen und öffnet sofort die Tür zu meinem eigenen Narrenturm, der sich tief in den Abgründen meiner Seele befindet.

Denn genau darum geht es hier.

 

Es gibt keinen Aufstieg und keine schöne Aussicht - nur zahlreiche Treppenstufen, die mich sinnbildlich hinunterführen, hinein in die gnadenlose Dunkelheit.

 

Mit dem Betreten des Narrenturms, das ist mir schnell klar, entscheide ich mich gegen das Sonnenlicht und bezahle zusätzlich mit meiner inneren Ruhe dafür.

 

Und was ich dafür bekomme, ist an emotionaler Intensität kaum zu überbieten:

Die Eindrücke stürmen so eindringlich auf mich ein, dass ich nach dem ersten naiven Eintauchen (sinnbildlich: dem simplen Öffnen der Tür) völlig fassungslos und wirklich fertig mit der Welt bin, so dass ich zunächst eine Pause einlegen muss, bis ich genug Mut habe, einen Fuß auf die Treppe zu setzen.

 

Dann lasse ich mich fallen, in die Bilder und die Musik.

Ich bin, gelockt von der Aussicht auf den Einblick in Holger Muchs faszinierende Bildwelten, völlig unbedarft kopfüber in den Turm gestolpert und schließlich mit voller Wucht am unteren Ende der Treppe aufgeschlagen.


Es hat mir sprichwörtlich den Boden unter den Füßen weggezogen.

Johannes Berthold und Holger Much haben es geschafft, auf der Basis des Narrenturms ein [Bau]Werk zu erschaffen, welches meine Sinne weit mehr als nur beiläufig beschäftigt.

 

Intensiv, aufwühlend und zutiefst verstörend.

 

Dieses Werk zielt, so unterstelle ich, bewusst auf jene Gefühle, die ich, wie die meisten Menschen, im Alltag nur allzu gerne verstecke: Verzweiflung, Angst, Unsicherheit!

 

Präzise legt Johannes Berthold mit Wort und Musik den Finger in jede einzelne dieser Wunden. Und drückt noch ein bisschen fester. Und noch fester… bis sich schließlich das Gefühl manifestiert, die Knie müssten mir nachgeben, weil ich die beklemmende Stimmung kaum noch zu ertragen weiß.

 

 

Illustration aus "Der Narrenturm" von Holger Much
Illustration aus "Der Narrenturm" von Holger Much

Im beinahe irritierend perfekten Zusammenspiel mit den (im wahrsten Sinne des Wortes) „wahnsinnig“ anmutenden Bildern ist der Aufenthalt im Narrenturm für mich eine gleichsam wundersame wie auch schockierende Reise.

 

Wundersam, weil Holger Muchs Bilder es, neben all der Morbidität der Thematik schaffen, mir immer wieder den Funken eines heimischen Gefühls zu geben.

 

Schockierend, weil die Szenerie, die Johannes Bertholds Musik vor meinem inneren Auge modelliert, genau das schlichtweg gar nicht bietet: Sicherheit.

 

Alleine schon dieses Paradoxon ist in seiner Dimension so gewaltig, dass es mich bei jedem neuen Ausflug in den Narrenturm beschäftigt. Ich stürze wieder und wieder, von einem Extrem ins andere. Niemand ist hier sicher, so fühlt es sich an. Das hier ist kein Werk, welches stumpf berieselt und zum belanglosen Nebenbeigenießen anregt.

 

 


Es sind Szenen, die mir alles abverlangen. Weit mehr, als die bloße Aufmerksamkeit.

Der Narrenturm fordert und zehrt und berührt mich in tiefster Seele.

Das Wechselspiel der Perspektiven von Arzt und Insassen verleiht dem ganzen einen beinahe obszön-kranken Ausdruck, der nur schwer ohne Schaudern zu ertragen ist, ebenso, wie die allzu lebhaft dargestellte Wesensveränderung des Patienten, die mich völlig abholt und an den Rand der schieren Verzweiflung bringt.


Wer den Anspruch hat, sich von Kunst berühren zu lassen, der könnte es wahrlich kaum besser treffen, als mit diesem rundum wahnsinnigen Meisterwerk.

Denn genau das darf anspruchsvolle Kunst auch – sie darf Beklemmung und Unbehagen auslösen. Sie darf Angst und Verzweiflung überbringen. Hauptsache, sie berührt. 

Und das gelingt Johannes Berthold und Holger Much mit ihrem Gesamtkunstwerk ganz hervorragend. Ich gehe so weit, zu sagen: Hier kommt niemand jemals wieder raus." 


Frage- und Signierstunde zum Buch "Der Narrenturm"

mit Johannes Berthold und Holger Much

Sonntag, 20.05.2018

14 Uhr

 

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04229 Leipzig


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